Indien heute Mythen und Realität. Ein Reisetagebuch

Hermann Dworczak berichtet von der Tagung der WAPE (World Association for Political Economy) und seiner anschließenden Rundreise durch Nordindien im Juni 2016. Ein Lokalaugenschein aus dem wichtigen südlichen Nachbarland Chinas.

Teil 1: Spannende WAPE-Tagung in Indien

Im indischen Indien findet derzeit die jährliche Konferenz der WAPE statt. Patiala liegt im Bundesstaat Punjab und verfügt über einen riesigen Universitätscampus.

An der Konferenz nehmen rund 150 Personen aus 15 Nationen teil – der überwiegende Teil der TeilnehmerInnen kommt aus Indien und China. Das Motto der Konferenz ist „Globalization, Employment and Agriculture“.

Bisheriges Highlight der Tagung war das Referat des bekannten Sozialwissenschaftlers und linken Kämpfers Samir Amin aus Ägypten: „Communists, Commited Revolutionairies Lenin, Mao – Facing the challenges of history“.

Ich erfahre hier eine Unmenge über die komplexe Geschichte und reiche Kultur Indiens, den Horror des britischen Kolonialismus, der nach wie vor nicht wirklich aufgearbeitet wurde, die bürgerliche Kongresspartei, die das Land in die Unabhängigkeit führte, jedoch nie mit dem Kapitalismus und Imperialismus brach; und nicht zuletzt die Teilung des Landes in Indien und Pakistan entlang religiöser Grenzen mit all ihren katastrophalen Konsequenzen. Kritisch wird hier auch die Politik der kommunistischen Parteien reflektiert.

Heute wird Allan Ding aus China über „Deng Xiaoping’s exploration of socialist market theory“ referieren. Das Thema meines Beitrages lautet: „No big changes in capitalism without  mobilizing from below – Political development in Brazil and Greece“.

Teil 2: Indien heute – Mythen und Realität

In Österreich und international werden jede Menge Mythen über Indien produziert: gigantisches Wachstum, radikaler Rückgang der Armut, Verbesserung der Verteilungsverhältnisse und ähnliches mehr.

Auf der Wape-Konferenz in Patiala, auf der ein starkes Kontingent von bekannten indischen SozialwissenschaftlerInnen präsent ist, kommen ganz andere Aspekte des „indischen Wunders“ zu Tage: es gibt zwar ein beträchtliches Steigen des Bruttosozialprodukts (heuer wahrscheinlich sechs Prozent), aber das allein sagt noch recht wenig über die reale ökonomische und soziale Lage des Landes aus.

In Indien ist die Hälfte der Bevölkerung nach wie vor im landwirtschaftlichen Sektor tätig – bei völlig ungleichmäßiger Verteilung des Bodens. Es gibt einen extrem hohen Anteil von Klein- und Kleinstbauern. Deren Lage ist oft dermaßen schlimm (Verschuldung!), dass es in den Medien täglich Berichte über Selbstmorde gibt.

Die neoliberalen Reformen, die bereits von der Kongresspartei betrieben wurden, werden nun unter dem hindufundamentalistischen Premier Modi verstärkt vorangetrieben. Die Folgen waren weitere Attacken gegen den öffentlichen Sektor (Kohle; Vergabe von Bohrrechten im Erdölbereich an Private…), die Expansion des privaten Bildungsbereichs und das Anwachsen des ohnedies enormen „informellen Sektors“ zulasten beständiger Beschäftigungsverhältnisse. Was das den Organisierungsgrad der indischen ArbeiterInnenklasse bedeutet, kann man/frau sich leicht ausmalen.

Daneben gibt es Gruppen, die nach wie vor allgegenwärtige Kastenstruktur von der Gesellschaft ausgeschlossen sind: tribes (Stämme, Ureinwohner) und Dalits („die Unberührbaren“). Hinsichtlich der tribes wurde auf der Konferenz die Zahl acht Prozent der Bevölkerung genannt!

Teil 3: Diskussion zur Situation der Kommunistischen Partei Indiens

Im Anschluss an die WAPE-Tagung in Patiala blieb ich bis Dienstag, 21. Juni 2016, auf dem Uni-Campus. Montag erhielt ich eine Einladung zu einem Treffen von ProfessorInnen. Ich dachte, ich wäre Zuhörer. Als ich jedoch den Raum betrat, wurde klar, dass ICH referieren sollte.

Also improvisierte ich und machte einen Input zu drei Themenkreisen: extreme Rechte in all ihren Schattierungen (In Indien versucht die weit rechtsstehende Partei Modis BJP aktuell ein „freundliches Gesicht“ zu zeigen. Realiter verfügt sie über einen hindufundamentalistischen hardcore, der in zahlreiche Massaker verwickelt war.), das Weltsozialforum und die Notwendigkeit einer linken Partei über bloße „Bewegungen“ hinaus.

Es folgte eine überaus rege Debatte, insbesondere über die Tätigkeit der Communist Party of India (Marxist) (CP(M)), die vor kurzem nach 34 Jahren Regierung in Westbengalen abgewählt wurde. Von den indischen TeilnehmerInnen wurden vor allem folgende Ursachen dafür angeführt: Die Partei wurde im Laufe der Jahre immer mehr zu einer „Wahlmaschine“ und büßte zunehmend den Kontakt zu ihrer Basis ein. Darüber hinaus gibt es einen Mangel an innerparteilicher Demokratie, KritikerInnen werden rasch mundtot gemacht.

Mittlerweilen bin ich in Amritasar, wo ich weitere Vorträge halte. Und natürlich habe ich mir den legendären Goldenen Tempel der Sikhs angesehen.

Teil 4: Die Sikhs, Ein kleiner Ausflug in die Religionssoziologie

Im Bundesstaat Punjab sind Sikhs allgegenwärtig. Man/frau erkennt sie unmittelbar an ihrer Kleidung – nicht zuletzt dem Turban, den viele Männer hier tragen. In Amritsar, an dessen Uni ich zwei Vortrage hielt, steht das zentrale Heiligtum der Sikhs: der sensationell schöne Goldene Tempel.

All das gibt Anlass, sich etwas näher mit der Geschichte des Sikhismus zu beschäftigen. Er entstand vor rund 500 Jahren und vereinigte hinduistische und islamische Glaubensinhalte. Er vertritt quer zu den traditionellen Hierarchien eine starke soziale Komponente, auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft erfuhr durch ihn eine bemerkenswerte  Aufwertung. Beim Studium der Inhalte des Gründervaters des Sikhismus Guru Nanak (1469-1539) fällt mir – cum grano salis – unwillkürlich Thomas Münzer ein. Bekanntlich setzte sich Engels mit ihm im „Deutschen Bauernkrieg“ eingehend auseinander, Ernst Bloch widmete ihm ebenfalls ein bis heute fesselndes Buch. Münzer, der Führer der revoltierenden Bauern, artikulierte seine Positionen in einer radikalen, urchristlichen Sichtweise. Guru Ganak optierte ebenfalls für umfassende sozialen Gerechtigkeit und Toleranz. Spezialisten auf diesem Gebiet erzählen mir, dass er ebenso gegen das Kastenunwesen auftrat, sich aber im Laufe der Zeit auch innerhalb des Sikhismus de facto Kasten gebildet haben.

Die Geschichte des Sikhismus ist wechselvoll: sie reicht von partieller Privilegierung durch islamische Mogul-Herrscher über deren Duldung bis hin zu brutalster Unterdrückung – einer ihrer Führer wurde in siedendes Öl gesteckt.

Ohne die Religion der Sikhs im Mindesten idealisieren zu wollen, lässt sich sagen, dass sich eine gewisse egalitäre Komponente erhalten hat. Beim Besuch des Goldenen Tempels wird dies spürbar: von hart orthodoxen Lebenseinstellungen, geschweige denn Fundamentalismus ist nichts zu merken. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre – Angehörige anderer Religionen oder Atheisten wie ich sind herzlich willkommen.

Für etliche Linke, die ich hier treffe, ist das Tragen des Turban ein normaler „kultureller“ Vorgang. Ein Marxist und Funktionär der CP(M) fragt mich sogar am Ende eines langen Gesprächs, ob Marxismus und „Meditation“ miteinander vereinbar sind.

So komplex verlaufen die Dinge hier – mit einem platten Vulgärmaterialismus wäre man/frau schlicht auf dem Holzweg.

Teil 5: Ein vorsichties Resümee

Ein elftägiger Indien-Aufenthalt ist zwar nicht die Welt. Ich bekam dennoch eine Menge mit. Und es war auch nicht meine erste Indien-Reise. Bereits 2004 besuchte ich das Land im Zuge meiner Teilnahme am Weltsozialforum (WSF) in Mumbai. Also wage ich eine vorsichtige Zusammenfassung meiner Eindrücke.

Ich hatte zweimal die Gelegenheit, mit dem Bus durchs Land zu fahren. Von Chandigarh nach Patiala und von dort nach Amritsar. Was ich sah, war schlicht fürchterlich. Nicht nur jede Menge Elendshütten, sondern Zelte aus Stroh (sic!), in denen Menschen hausen müssen.

In Delhi nahm ich bewußt eine Motorrikscha (und nicht die U-Bahn), um durch die Altstadt zu fahren. Auch hier jede Menge Elend und Zurückgebliebenheit.

Für kulturelle Einrichtungen scheint wenig Geld zur Verfügung zu sein. Das legendäre „Rote Fort“ in der Hauptstadt, einst der Sitz der Mogul Herrscher, hier stand auch der „Pfauenthron“, befindet sich in einem stark renovierungsbedürftigen Zustand.

Ich wohnte in einem kleinen Hotel vis a vis des „Indian National Institute for Technology“. Unter der Stadtautobahn „wohnen“ etliche Menschen ohne Waschgelegenheit und Sanitäranlagen.

All das bestätigt die Positionen linker, marxistischer indischer SozialwissenschaftlerInnen, daß es KEINEN „take off“ (Rostow) des Landes gegeben hat. Es gibt manche Bereich, die prosperieren. Hier wird vom mainstrem immer auf den IT-Bereich (z.B in Bangalore) verwiesen. Aber selbst in offiziellen indischen Medien wird nicht verschwiegen, dass dieser Sektor in keiner Weise die millionenhaft benötigten (neuen) Arbeitsplätze schaffen kann.

Profitiert hat vom Wachstum des BSP das Großkapital und die sogenannte „Mittelklasse“ (ich verwende hier ausnahmsweise diesen Gummi-Begriff, unter den in den bürgerlichen Sozialwissenschaften so ziemlich alles vom besser verdienenden Angestellten bis hin zum „mittleren Unternehmer“ subsumiert wird). Diese „Klasse“, in Wirklichkeit eine heterogenes Konglomerat, wird auf 150-200 Millionen Menschen geschätzt. Sie konnte ihren Lebensstandard tatsächlich beträchtlich verbessern und trägt ihn protzerisch, neureich zur Schau. Damit hat es sich aber auch schon. Indien hat rund 1,3 Milliarden EinwohnerInnen. Und bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ist der steigende Wohlstand NICHT angekommen. Nicht nur nicht bei den meisten Dalits (rund 25 Prozent der Bevökerung), „tribes“ (rund 8 Prozent) und den oft extrem verschuldeten KleinbäuerInnen, sondern auch bei vielen regulär also nicht „informell“ beschäftigten ArbeiterInnen und Angestellten: nicht wenige verdienen bloß lausige 15.000 Rupien (200 Euro) und weniger im Monat.

Der zentrale Grund für diese negative Entwicklung liegt darin, dass der bürgerliche „Kongress“ zwar die nationale Unabhängigkeit erreichte, aber nie mit dem Kapitalismus und international mit dem Imperialismus brach. Die indische KP orientierte sich – gut stalinistisch – an der „längerfristigen Zusammenarbeit mit der nationalen Bourgeoisie“- obwohl der Zweite Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1920 für die Kolonialländer genau das Gegenteil beschlossen hatte. Auch nach der Spaltung der KPI (in CP(M), CP(ML),…) herrscht in dieser Kardinalfrage in der indischen Linken heillose Verwirrung.

Zwei Punkte möchte ich hier nur andeuten, sie verdienen eine eingehende Behandlung. In den letzten Jahren war oft von den „aufsteigenden BRICS-Staaten“ die Rede. Was stimmt ist, dass es hier mehr oder weniger „Wachstum“gegeben hat. Aber weder sind die vermehrten Reichtümer breit  „unten“ in der Gesellschaft angekommen, noch haben sie sich diese Länder aus der Umklammerung durch den Imperialismus befreien können. In Russland wie in Südafrika fand keine Diversifizierung der Ökonomie statt, Brasilien befindet sich in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise („kalter Putsch“), wie die Dinge in Indien liegen, habe ich oben darzulegen versucht.

Obwohl ich ich gegenüber der nationalen („Sozialismus mit chinesischen Charakteristika“) und internationalen (etwa in Griechenland!) Politik der KP Chinas sehr kritisch eingestellt bin, lässt sich nicht  leugnen, dass der Weg, den China eingeschlagen hat, sich von dem anderer BRICS-Staaten unterscheidet. M.E. liegt das darin, dass trotz der immer mehr ausufernden „Reformmaßnahmen“ in China in den letzten Jahrzehnten nach wie zentrale Errungenschaften der Revolution 1949 (wenn auch extrem ausgehöhlt) erhalten geblieben sind.