Weltsozialforum in Montreal: Ein Erfolg trotz zahlreicher Hürden

Hermann Dworczak nahm am heurigen Weltsozialforum im kanadischen Montreal teil. Hier sein Bericht.

Das Weltsozialforum (WSF), das von 9-14. August 2016 in Montreal in Kanada stattfand, war ein Erfolg – trotz zahreicher Hürden. 35.000 TeilnehmerInnen und weit mehr als 1000 Veranstaltungen können sich sehen lassen.

Weltsozialforum im imperialistischen Norden

Ein WSF erstmals im „Norden“ zu machen war zweifelsohne ein Wagnis. Reisekosten, teurere Unterkünfte als im „Süden“ und im „Osten“ und politische Barrierren etwa durch Visa-Verweigerung der kanadischen Behörden erschwerten die Organisation. Ein sehr kompetentes junges Vorbereitungsteam vor Ort konnte die meisten dieser Probleme überwinden.

Und es gilt unmißverständlich zu sagen: zumindest EINMAL muß es möglich sein, ein WSF auch in einem imperialistischen Land durchzuführen. Es gilt ja auch hier, die Menschen für den Kampf gegen das mörderische  kapitalistische System zu gewinnen!

Der Bogen der Veranstaltungen (Seminare, Konvergenz-Treffen, große Konferenzen, kulturelle Events) war extrem breit und umfaßte alle wichtigen Fragen: von den diversen Krisen des Kapitalismus über die anstehenden Präsidentschaftswahl in den USA (die Kampagne von Bernie Sanders!), Flüchtlinge, Frauen, Ökologie bis hin zu den aktuellen Kriegen, ob im Nahen Osten oder in der Ukraine. Das Klima in den meisten Veranstaltungen war konstruktiv und nicht wenige TeilnehmerInnen (vor allem aus Kanada) wurden zum ersten Mal mit den hier angeschnittenen Fragen in dieser Fundiertheit konfrontiert. Im folgenden eine kleine Auswahl aus der Fülle interessanter Veranstaltungen.

20.000 bei Eröffnungsdemo

Bereits die Eröffnungsdemonstration war spektakulär. Rund 20.000  TeilnehmerInnen zogen vom Park La Fontaine ins Zentrum der Stadt. Unter ihnen: StahlarbeiterInnen aus Toronto (also aus dem mehrheitlich englischsprachigen Teil Kandas), UmweltschützerInnen, NGOs wie Attac oder Friends of the Earth und linke AktivistInnen verschiedenster politischer Strömungen. Bei der Abschlusskundgebung traten VertreterInnen indiginer Völker auf und es wurde der vor kurzem ermordeten honduranischen Menschenrechtsaktivistin Berta Caceres gedacht.

China: „Wiederbelebung des ländlichen Raumes“

Drei ProfessorInnen von chinesischen Universitäten (Beijing und Hongkong) gaben eine kritische Beschreibung der aktuellen Situation in China. Sie erwähnten die enormen ökonomischen, sozialen und ökologischen Probleme, die das Land nach dem „Öffungsprozeß“ in den letzten Jahrzehnten erfährt. Ihre zentrale Antwort auf auf die gegenwärtige Lage war die „Wiederbelebung des ländlichen Bereichs“. Sie berichteten über die „countryside recovery movement“ und gaben konkrete Beispiele für die Tätigkeit dieser Bewegung, der sie angehören: Erziehungs- und kulturelle Projekte, Studien, internationale Kontakte. Der bekannte ägyptische Sozialwissenschafter Samir Amin etwa nahm an einer ihrer Konferenzen teil.

In der Diskussion warf ich zwei Fragen auf: 1) Die enorme „Ausdehnung des Kapitalismus in China“ (Originalton der drei Professorinnen) wird von einer Partei praktiziert, welche den Kommunismus auf ihre Fahnen schreibt. Dieser Widerspruch sollte tiefer analysiert werden. 2) Die strukturelle Verbesserung der Situation ist absolut notwendig. Aber was ist die Stragegie der „countryside recovery movement“ für die Städte und das gesamte Land?

Um ehrlich zu sein: die erste Frage wurde schlicht umgangen. Die zweite wurde nur äußerst ungenügend beantwortet: Kontakte zu den Millionen „WanderarbeiterInnen“, die vom Land kommen und in den Städten oft unter erbärmlichen Bedingungen leben sind notwendig. Ws gibt sogar eine Museum von ihnen, manche von ihnen sind Poeten etc.

Ich hatte in keiner Weise den Eindruck, daß hier eine köhärente Position entwickelt wird,  die die zahllosen Aktivitäten und Kämpfe auf dem Land und in den Städten kombiniert.

Krieg und Friede heute

Unter dem Titel „Endloser Krieg: Ist das der Beginn eines dritten „Weltkriegs“?“ veranstaltete transfom! ein Seminar. Einleitende Statements gab es u.a. von den SozialwissenschaftlerInnen Phyllis Bennis und Gilbert Achcar, dem Friedensaktivisten Reiner Braun und dem Europaabgeordneten der deutschen Linkspartei Helmut Scholz.

Die Seminar war durch zwei Schwerpunkte gekennzeichnet: a) theoretische Erfassung der gegenwärtigen Periode, der Natur ihrer Kriege, die Unterschiede zur früheren „bipolaren“ Weltordnung; b) Stand der gegenwärtigen Anti-Kriegsaktivitäten und die Notwendigkeit einer- erneuerten- globalen Friedensbewegung.

Naturgemäß gab es beim ersten Punkt unterschiedliche Einschätzungen. Gilbert Achcar brachte wichtige Differnzierungen ein, etwa die – oft umschiffte – Tatsachen ins Spiel, daß es sich bei den BRICS-Staaten um keine einheitliche politische Formation handelt und daß das heutige Rußland in keiner Weise mit der ehemaligen nichtkapitalistischen Sowjetunion verglichen werden kann.

Etliche TeilnehmerInnen unterstrichen die Notwendigkeit einert unabhängigen Friedensbewegung, also einer, die sich sich nicht in eine fatale „Lager“-Logik pressenläßt: nach dem Motto, wenn ich den US-Imperialismus und die Nato bekämpfe, muß ich mit Putin & Co. in einem Boot sein…

Bilanz und Zukunft des Weltsozialforums

Das WSF wurde auch von der Bevölkerung Montreals durchaus freundlich aufgenommen. Wenn ich mit BewohnerInnen der Stadt ins Gespräch kam und dabei das WSF erwähnte, stieß ich oft auf positives Interesse. Obwohl sein fortschrittlicher, ja linker Charakter offensichtlich war, sind mir keine negativen Zwischenfälle oder Anpöbelungen (wie in unseren Breitegraden durchaus üblich) bekannt. Offizielle Medien brachten vor und während des Forums Berichte, selbst Gratiszeitungen wie „metro“ machten Interviews mit OrganisatorInnen bzw. TeilnehmerInnen des Forums.

Es läßt sich also insgesamt eine positive Bilanz ziehen. Wenn solidarische Kritik angebracht ist, dann vor allem zu einem Punkt: Wie schon so oft gelang es nicht, sich auf ein, zwei zentrale Thematiken zu verständigen, die kampagnenmäßig global VON ALLEN GRUPPIERUNGEN GEMEINSAM unterstützt wurden. Dieses Manko war auch im Internationaten Rat des WSF zu spüren, der gleich im Anschluß an das WSF tagte. So konnte zwar nach langem – fomalem – Hin und Her eine Verurteilung des „kalten Putsches“ in Brasilien durch eine Vielzahl von Organisationen erreicht werden, für die Organisierung konkreter Aktionen gegen den Putsch blieb jedoch keine Zeit mehr übrig.

Der nächste Internationale Rat wird aller Voraussicht nach im kommenden Jänner in Porto Alegre in Brasilien zusammenkommen. Bis dahin und während seine Tagung wird es einer gründlichen Debatte bedürfen, wie das WSF wieder kollektiver AKTEUR  werden kann.

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